Im Alter von 94 Jahren verstarb am 1. Januar 2026 der Bildhauer Hubertus von Pilgrim in seiner bayerischen Heimatgemeinde Pullach. Bis zu seiner Emeritierung 1995 hatte der am 24. August 1931 in Berlin geborene von Pilgrim als Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München gelehrt.
Bekanntheit erlangte er insbesondere mit dem monumentalen Bronze-Kopf Adenauers vor dem ehemaligen Bonner Kanzleramt (1982) und mehr als zwanzig Mahnmalen entlang der Strecke des Dachauer Todesmarsches 1945, in denen er dem Leid der entmenschlichten KZ-Häftlinge figürlich Ausdruck verlieh (1989-2009). In den genannten, zunächst höchst kontrovers aufgenommenen Werken spiegelt sich von Pilgrims ausgeprägtes Bewusstsein für Erinnerungskultur.
Pfullingen verdankt dem bedeutenden Künstler, der sich auch mit der Gestaltung von Münzen und Medaillen einen Namen machte, ihren „Disput“: Die am 26. Oktober 1985 der Öffentlichkeit übergebene Figurenplastik am Marktplatz, die bis Februar 2019 ihren Standort südlich der Kirche, am Übergang vom unteren zum oberen Marktplatz hatte. Im Zuge der Neugestaltung der Stadtmitte wurden die mittlerweile 40-jährigen „Bronze-Pfullinger“ an ihren jetzigen Standort nördlich der Kirche versetzt. Kein Denkmal im herkömmlichen Sinne für eine bedeutende Einzelpersönlichkeit wollte Hubertus von Pilgrim mit dem „Disput“ nach eigenem Bekunden schaffen, nichts „Entrücktes“. Ihm ging es um zugängliche Kunst zum Anfassen, die in ihrem Motiv der sieben angeregt diskutierenden, streitenden, argumentierenden Bürger auf den Marktplatz in seiner antiken Idealfunktion als Forum der politischen Öffentlichkeit Bezug nimmt. Vor den Pfullinger Rathäusern, der Kirche und dem Marktbrunnen mit der Justitia ein starkes Symbol demokratischer Meinungsäußerung und Entscheidungsfindung. Landrat Dr. Edgar Wais, der bei der „Disput“-Einweihung 1985 zugleich seinen Antrittsbesuch in Pfullingen machte, sprach im Sinne dieser Symbolik treffend von einer „demokratischen Plastik“. Ganz ähnlich charakterisierte auch Bürgermeister Rudolf Heß in seiner Rede den „Disput“ als ein bleibendes Denkmal für den Souverän in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. Anders als in vergangenen Zeiten sei es nunmehr die Bürgerschaft selbst, die durch ein frei gewähltes Gremium über die Gestaltung ihres neuen Stadtbildes entscheiden könne.
Gedacht war das Kunstwerk als krönender Abschluss der Innenstadtsanierung. Ein Granitsockel als „Kunstträger“ war daher schon im Zuge der Neugestaltung des Marktplatzes erstellt worden. Ende 1983 lobte die Stadt einen Wettbewerb für den Entwurf einer Bronzefigur bzw. Bronzefigurengruppe aus, „die die Bürger zur Nutzung ihres Stadtzentrums einladen soll“. Zwischen Kunstwerk und Besuchern des Platzes sollte „eine interessante Wechselbeziehung“ ermöglicht werden, wie es in der Wettbewerbsaufgabe heißt. Teilnahmeberechtigt waren Künstler aus Baden-Württemberg. Eingeladen wurden darüber hinaus drei weitere Bildhauer aus der Bundesrepublik, zu denen Professor Hubertus von Pilgrim gehörte. Unter den 57 eingegangenen anonymisierten Wettbewerbsarbeiten entschied sich das Preisgericht unter dem Vorsitz von Professor Walter Förderer, Schweizer Architekt und städtebaulicher Berater in der Pfullinger Sanierungskommission, im Mai 1984 für den Entwurf von Pilgrims. Im Juni 1984 fasste der Gemeinderat Beschluss über dessen Beauftragung. Einigen Pfullingern scheint es mit der Kunst am vorgesehenen Platz nicht schnell genug gegangen zu sein. Als Maischerz 1984 stellten sie kurzerhand einen „Fülles Driller“ am geplanten Standort auf und bewegten sich damit eher in der Tradition der strafenden Obrigkeit als in den Bahnen der Künstler-Intention, die den mündigen Bürger in den Vordergrund rücken wollte.
Nicht alle mochten sich mit dem Kunstwerk von Pilgrims direkt anfreunden. Das zeigte sich etwa bei einer Besichtigungsfahrt des Gemeinderats in sein Münchener Atelier im Mai 1985, um dort das lebensgroße Gipsmodell des „Disput“ in Augenschein zu nehmen. Ein Stadtrat bemängelte insbesondere die Proportionen der Füße. In der Pfullinger Bevölkerung gab es ebenfalls kritische Stimmen. Ein Pfullinger störte sich an der Physiognomie der Plastik(en) und konstatierte: „Das sind keine Pfullinger Gesichter.“ Andere hätten die über 140.000 DM für das Kunstwerk lieber im Straßenbau angelegt gesehen oder nahmen Anstoß an den gut sichtbaren Hinterteilen einiger „Disputanten“. Walter Förderer als Vorsitzender des Preisgerichts appellierte bei den Einweihungsfeierlichkeiten an die Pfullinger Bevölkerung, „den sieben skeptischen, zweifelnden, überzeugten und auch nachdenklichen Neu-Pfullingern ein Heimatrecht“ zu geben. Dass es Pfullinger seien, zeige sich vielleicht auch daran, dass über sie geredet werde.
Der „Disput“ selbst, von dem eine Kleinausführung seit 1985 auch das Büro des Bürgermeisters bereichert, wurde so ganz im Sinne des Künstlers zum Gegenstand des kontroversen Meinungsaustauschs. Mittlerweile ist er ein fester Bestandteil des Stadtbildes, vor dessen alltäglicher Gegenwart seine tiefere Symbolik manchmal schon fast zu verblassen scheint.