• 17.10.2018
  • 04:41

Stadtnachricht

Weihnachtliche Besinnung auf die "alte Heimat"

Reaktionen auf den städtischen Weihnachtsbrief aus aller Welt

Es wäre sicher ein lohnenswertes Unterfangen für einen Kulturwissenschaftler, einmal das Heimatbild einer näheren Betrachtung zu unterziehen, das in den vielen Reaktionen auf den seit über 50 Jahren versendeten „Weihnachtsbrief“ an die im Ausland lebenden Pfullinger zum Ausdruck kommt, die ihre Heimat, aus welchen Gründen auch immer, verlassen haben. Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen – lediglich um einen kleinen besinnlich-unterhaltsamen Eindruck, was den ausgewanderten Pfullingern aus der mittlerweile oft auch zeitlichen Distanz an ihrer Heimat erinnernswert schien. Angemerkt sei, dass dieser Erinnerung in weihnachtlicher Besinnlichkeit durch die beigefügten Gaben des Weihnachtsbriefes, sei es ein schwäbisches Kochbüchlein, ein Bildband oder ein Wandkalender mit dem Lichtenstein, natürlich im positiven Sinn ein wenig auf die Sprünge geholfen wurde.
Im Folgenden nun als „historische Appetithappen“ einige Auszüge aus frühen Antwortschreiben auf den weihnachtlichen Heimatgruß – mehr von den Pfullingern in aller Welt gibt’s im Stadtarchiv:
 „[…] Ja der Lichtenstein brachte viele Erinnerungen zurück; im Jahr 1903 habe ich das Bärbele vom Lichtenstein in den Honauer Festspielen gespielt, und ich kann mich noch erinnern, als der erste Zug von Reutlingen nach Honau fuhr, mein Vater war der erste Vorsteher an der Haltestelle Papierfabriken […] in 1905 verließ ich die Heimat, um in New York eine neue zu finden.
Im Jahr 1924 war ich das letzte Mal in Pfullingen, um mit meinen Altersgenossen die 40jährige Feier im Gasthaus zur Krone [zu] feiern […].“
Frieda Walz aus Fort Lauderdale, Florida, 18. April 1968
 
„[…] Doch das beigefügte Kochbüchle ist für mich von ganz besonderem Wert. Ist doch erstens meine Frau keine Schwäbin, und zweitens unsere Köchin hier in Südafrika eine wohlproportionierte, runde Zulutochter von ca. 220 engl. lbs. (engl. Pfund). Meine abendlichen Stunden verbringe ich nun teilweise damit, die Rezepte in Englisch zu übersetzen, so daß ich bis in einem halben Jahr hoffen kann, auch mal wieder Maultaschen auf den Tisch zu bekommen. Doch übersetzen Sie mal „Maultaschen“. Vielleicht kann es meine 5 1/2 –jährige Tochter bald besser, denn die Kinder sprechen meist nur noch Englisch und Zulu. […] Und wenn ich auch mein „Schwäbisch“ pflege, wie meinen großen und schönen Garten hier, so fühle ich doch, daß ich der letzte „Schwoab“ in meiner Familie bin.“
Eberhard Fink aus Westville-North, Südafrika, 15. März 1967
 
„[…] Weihnachten in der Ferne ist immer schwer für uns zu verbringen, denn die Gedanken wandern nach Hause, zu den Lieben und dem Klingen der Weihnachtsglocken unserer Martinskirche. Trotzdem wir eine neue Heimat fanden, unser Herz ist und bleibt immer in Pfullingen.
Wenn ich zurückdenke, ist es mir oft unglaublich, dass es schon 14 Jahre her sind, seitdem ich Pfullingen verlassen habe. Jedesmal wenn ich heimkomme, bin ich überrascht, wie groß unsere Heimatstadt ist, überall wird fest gebaut und trotzdem verliert die Stadt ihren früheren Reiz nicht. Hier in Hartford treffe ich viele Deutsche aber niemanden von meiner Heimatstadt.“
Edith Schirmer, Hartford, Conneticut, 16. Februar 1967
 
„[…] Es hat uns, sehr gefreut und tief berührt, dass unsere alte Heimat noch wirklich an uns denkt. Eigentlich bin ich gar kein geborener Pfullinger, sondern blos „a Neigschmeckter“ und deshalb ehrt es mich doppelt. Ich war 13 Jahre alt, als ich nach Pfullingen kam, und bin in der Martinskirche konfirmiert worden. In 1927 bin ich ausgewandert. Meiner Frau, die aus Kassel stammt, hat es sehr gut in Pfullingen gefallen und hat sich so manche schöne Pfullinger Ausdrücke angeeignet. Heute noch höre ich sie manchmal sagen „Du bischt halt a Füllesdriller, a saudommer Dackel.“
Fritz Sattler, Milwaukee, Wisconsin, 23. Februar 1967
 
„[…] Als ich 1963 meine Verwandten besuchte, fiel mir besonders auf, wie die Stadt Pfullingen während meiner Abwesenheit gewachsen ist und aus Ihrem Brief kann ich ersehen, dass Pfullingen auch jetzt nicht stillsitzt sondern auf jedem Gebiet sich der Neuzeit anpasst und Verbesserungspläne für die Zukunft macht. Ich verließ meine Heimatstadt in 1921, damals hatte die Stadt ungefähr 8000 Einwohner, heute müssen es nahe 20.000 sein. Gerne denke ich zurück an meine Jugend und an das gemütliche Tempo einer kleinen Bauernstadt, heute hat das Auto wohl die größte Veränderung gebracht, aber die Zeit kann nicht stillstehen.“
Eugen Keppler, Maywood, Illinois, 13. März 1969

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(Argentinische Weihnachtsgrußkarte aus dem Jahr 1969)